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Qualitative Sozialforschung: Doing Biography und narrative Identität

Ein wichtiger Wegbereiter der Biografieforschung war neben anderen Fritz Schütze, der die Methode des narrativen Interviews entwickelte, ohne die biografische Forschung kaum möglich gewesen wäre. Dabei ist für die Sozialwissenschaft von besonderer Bedeutung

»wie der Erzähler seine biografische Erfahrung und Identität in der aktuellen Erzählsituation mit Hilfe seiner biografischen und narrativen Ressourcen konstruiert«. [1]

Es ließe sich beispielsweise die Frage stellen, weshalb bestimmte Wörter verwendet werden oder warum ausschließlich einige wenige Personen erwähnt werden, andere dagegen überhaupt keine Rolle spielen. Von Interesse ist also nicht in erster Linie, was wir erleben, sondern wie wir das Erlebte darstellen.

Doing Biography

Die biografische Identität ist ein kontingentes Phänomen, das ähnlich der geschlechtlichen Identität in nahezu jedem Moment des Sprechens und Handelns performativ hervorgebracht wird. Das Konzept der Performativität geht auf Judith Butlers Überlegungen zurück.

Danach sind performative Sprechakte »Formen der Rede, die das, was sie besagen, dadurch, dass etwas gesagt wird, produzieren.« [2]

Mechanismen des doing biography, die als performativ-diskursive Akte verstanden werden können, tragen einerseits zur Produktion andererseits zum Erhalt von Lebensgeschichten bei: Eine biografische Identität hat man deshalb nicht, sondern man stellt sie im Sinne einer kontingenten Darstellung her. [3]

Die biografische Arbeit begleitet uns daher ein Leben lang und gehört zu unserer alltäglichen Praxis. Allerdings erhält ihre Fluidität durch stete Wiederholung beispielsweise in privaten Erzählungen den Anschein von Konsistenz, obwohl es kein Ende dieses Konstruktionsprozesses gibt.

Was in der Darstellung von Biografien sinnvoll, erstrebenswert oder überhaupt denkbar ist, wird bestimmt durch machtvolle Diskurse, die an der Herstellung gesellschaftlicher Realität mitwirken. Denn die diskursive Ordnung bestimmt, was in einer historisch spezifischen Gesellschaft denk- und sagbar ist, was also intelligibel werden kann. [4]

Dementsprechend »lässt sich […] zeigen, dass wir bei der Strukturierung unserer Erfahrungen zu einer Lebensgeschichte, die andere verstehen können, auf gemeinsam geteilte Ordnungsprinzipien zurückgreifen, die es uns überhaupt erst erlauben, die privat-persönlichen Inhalte zu übermitteln bzw. aufzunehmen«. [5]

Biografische Identitätsarbeit ist also vor allem als gesellschaftliches Produkt beziehungsweise diskursives Konstrukt zu verstehen – »als selektiver, konstruktiver und aktiver Prozess des Zugriffs auf Information zu einem Geschehen, die bereits selektiv kodiert, partiell vergessen und vielfältig transformiert wurde.« [6]

Narrative Identität

Das erzählende Ich distanziert sich vom erzählten Ich. [7] Es handelt sich dabei um Positionierungsakte, die einen Großteil der Identitätsarbeit ausmachen. Unter narrativer Identität verstehen Lucius-Hoene und Deppermann »eine lokale und pragmatisch situierte Identität, die durch eine autobiografische Erzählung hergestellt und in ihr dargestellt wird. […] Sie ist nicht mit der Identität oder dem Selbst einer Person schlechthin – was immer dies sein mag – gleichzusetzen. […] Der Erzähltext kann somit als Protokoll einer Identitätsdarstellung wie einer Identitätsherstellung verstanden werden«. [8]

Identität ist eine »sprachlich-symbolische Struktur« [9], die immer im Werden und nie im Sein begriffen ist.

Folglich bietet der Erzähltext einen Blick auf eine momentgebundene und in der jeweiligen Gesprächssituation entworfene Identität, die zu einem anderen Zeitpunkt oder in einer anderen Situation anders ›aufgeführt‹ werden könnte. Die zu erforschende Identität bleibt damit in ihren Konstruktionsbedingungen anerkannt.


[1] Lucius-Hoene, Gabriele/Deppermann, Arnulf (2004): Grundlagen narrativer Identität. Autobiografisches Erzählen, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004, S. 91.

[2] Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler, Frankfurt/Main: Campus Verlag, S. 26.

[3] Vgl. Völter, Bettina (2006): Die Herstellung von Biografie(n). Lebensgeschichtliche Selbstpräsentationen und ihre produktive Wirkung, in: Burkhart, Günter (Hg.): Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 261-284.

[4] Vgl. Reckwitz, Andreas (2008): Subjekt, Bielefeld: transcript Verlag, S. 26.

[5] Fuchs-Heinritz, Werner (2005): Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 29.

[6] Lucius-Hoene/Deppermann 2004, S. 30.

[7] Ebd., S. 25.

[8] Ebd., S. 56.

[9] Ebd., S. 51.

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